Auf der Cebit

Samstag 15. März 2008 von herb

Die Messe Hannover: nicht einfach nur eine Anhäufung von Ausstellungshallen, sondern beinahe ein eigenständiger Stadtteil. Inklusive der Infrastuktur – Versorgung, Entsorgung, Ordnungs- und Sicherheitsdienst, Buslinien im Nahverkehr – sogar eine Kirche für die Seelsorge findet sich auf dem Gelände.

Natürlich war die LUG nicht deswegen gekommen, sondern wegen der Computertechnik, insbesondere des Linux-Parks in Halle 5.

Schon am frühen Sonntag Morgen, kurz nach der Öffnung, herrschte ein reger Betrieb auf der Messe, der sich im Laufe des Tages zu einem noch regeren Schieben und Drängeln auswachsen sollte.

Das Gros der Gruppe war per Zug und U-Bahn angereist, andere per PKW, was einer Perle menschlichen Erfindergeistes die Gelegenheit gab, ihre Nützlichkeit unter Beweis zu stellen. Flugs hatte sich die Gruppe dank Handy zusammengefunden und einen spontanen Bummel durch die Hallen begonnen.

Was gab es nicht alles zu sehen. PC-Komponenten vom De-Luxe-Gehäuse aus gebürstetem Aluminium, über wasserbetriebene Kühler, High-Speed-Speicherstreifen, Festplatten im Terabyte-Raid-Verbund bis hin zu vergleichsweise einfachen S-ATA-Kabeln. Die Cyber-Spieler dagegen waren wohl noch nicht in einem präsenten Zustand; außer einem Podiums-Interview gab es noch nichts zu applaudieren. CS-Matches (Counter-Strike) waren angekündigt – Zutritt erst ab 16, worauf auch streng geachtet wurde. Ein paar Hallen weiter demonstrierte ein Aussteller die Leistungsfähigkeit seiner Geräte mit einem recht ähnlich wirkenden Ballerspiel – vermutlich einem jugendfreien Ableger, in dem die Computer-Gegner am Ende wieder aufstehen und dem Spieler zum Gewinn gratulieren.

Die meiste Aufmerksamkeit wurde aber portablen Geräten, und vor allem den besonders portablen (also kleinen) Subsubnotebooks, aber auch Geräten zur drahtlosen Datenübertragung geschenkt.

Gegen Mittag wurde es langsam Zeit, den Linux-Park wieder anzusteuern, immerhin hatte sich Dipl. Ing. Klaus Knopper angekündigt, der das aktuelle Knoppix 5.3 vorstellen wollte.

Zuvor (die Erwartung hatte uns wohl zu unnötiger Eile getrieben) gab es jedoch noch einige relevante An- und Einsichten zum Thema „Privatsphäre im Internet“ im allgemeinen und „Datenschutz bei Online-Spielen“ im besonderen, die ein Datenschützer aus Schleswig-Holstein vortrug.

Der Leit-Gedanke des Vortrags, den man als Internet-Nutzer durchaus im Hinterkopf behalten sollte: Es gibt keine Anonymität im Netz. Überall hinterläßt man persönliche Spuren: beim Einkauf, in Communities, bei Online-Spielen und andernorts. Wie gering und harmlos sie im einzelnen auch erscheinen, es gibt Suchmaschinen, die alle diese Informationen sammeln und zu einem Gesamtprofil verdichten – zum Nutzen der Werbeindustrie, zur Freude besonders guter Freunde oder evtl. als Grundlage zukünftiger Personal(chef)entscheidungen im Beruf – wer weiß das heute schon?

Gerade Online-Spiele, so wurde an Beispielen ausgeführt, nehmen sich in ihren Lizenzbedingungen erhebliche Rechte heraus, den Computer des Spielers zu durchleuchten und sein Verhalten im Spiel aufzuzeichnen und an dritte weiterzuleiten. Dem arglosen Anwender, der die Fluten vertragsdeutscher Formeln eh nur noch abnickt, fällt praktisch nicht auf, daß er gerade die Art von Software auf seinem Rechner installiert, die ihn zu einem guten Freund mancher politischer Wunschvorstellungen macht.

Wohlgemerkt: die Hersteller/Entwickler verfolgen dabei keine bösen Absichten. Letztlich geht es ihnen darum, ihre Software und nicht zuletzt auch unbedarfte Spieler vor Manipulationen, z.B. durch Cheating zu schützen. Aber es bleibt dabei: was das Internet einmal erfährt, vergißt es nie wieder. Man kann sich ja mal den Spaß machen, den eigenen Namen bei yasni oder 123people einzugeben…

Nach einer kurzen Pause begann dann endlich der Vortrag, auf den alle so gespannt waren.

Schon das vorbereitende Hochfahren und Einrichten seines Live-Systems machte Dipl. Ing. Knopper sichtlich viel Spaß angesichts der optischen Spielereien wie dem rotierenden Desktop, Autozoom und transparenten, wabbelnden Fenstern, die beim Schließen stichflammend zu verpuffen scheinen. Zunächst ging er dann auch etwas ausführlicher auf die Optionen ein, die (falls die Hardware mitspielt) eine mit ‚compiz‘ grafisch hochgezüchtete Benutzeroberfläche bieten kann.

Unter dem Stichwort ‚accessibility‘ folgte dann aber eine 180°-Kehrtwende. Das Duo ‚adriane‘ und ‚orca‘ soll nämlich Sehbehinderten und Blinden die Steuerung und den Umgang mit Computern erleichtern und verbessern. ‚Adriane‘ stellt dabei Menü-ähnlich aufgebaute Kommandozeilen quasi als Bedien-Oberfläche bereit, um Einstellungen vorzunehmen, Programme zu starten usw. Das Programm ‚orca‘ ist nun in der Lage, diese Textzeilen, und auch solche in anderen Anwendungen, als Braille-Zeile auszugeben (dafür ausgestattete Hardware vorausgesetzt) oder alternativ/zusätzlich vorzulesen, wozu aber weitere Sprach-Software-Pakete nötig sind.

Es folgten noch einige allgemeine Ausführungen zur aktuellen Software-Ausstattung der Distribution – zwischendrin bat Herr Knopper die Zuhörer, zusammenzurücken und doch etwas näher an die Bühne zu kommen, nicht etwa, damit man ihn besser verstünde oder weil er das Publikum so gern hätte, sondern damit im Umfeld der Bühne, sicherheitstechnischer Bestimmungen wegen, Platz zum Durchgang blieb – mittlerweile hatte sich nämlich eine mächtig gewaltige Menschentraube gebildet.

In der abschließenden „Hat noch jemand Fragen?“-Runde stellte Herr Knopper einmal mehr seine (Fach-)Kompetenz unter Beweis. ‚Wie es sich mit dem Schreiben auf NTFS-Partitionen mittlerweile verhielte‘, fragte jemand. Antwort (inhaltlich): ‚Ist praktisch gelöst, auch das Schreiben ist seit ca. 1 Jahr kein Problem mehr.‘ Es gäbe jedoch in den Windows-Datei-Eigenschaften eine Einstellung, den Zugriff zu verbieten, was im Zusammenhang aber irgendwie wenig sinnvoll erschien, weswegen diese Funktionalität Linux-seitig nicht implementiert ist, man könne also auch solche Dateien öffnen.

Weitere Fragen beantwortete er prompt und prägnant. Welcher Eintrag in welcher Datei in welchem Verzeichnis ergänzt oder geändert werden muß, war immer wieder schnell abgehandelt, inklusive der Nachteile und Risiken, die es mit sich brächte.

Teilweise gelang es ihm sogar, noch während der Fragestellung auf einer Konsole durch die Verzeichnisse zu navigieren, die zuständige Datei zu öffnen und in die zu editierende Zeile zu springen, bevor die Frage beendet war – chapeau.

Im Anschluß hieran machten wir uns auf zu einem kleine Imbiß und noch einem Rundgang. Mittlerweile hatte die Messe einen erheblichen Input von Besuchern, die dicht gedrängt durch die Gänge strömten – mehrfach verloren wir uns fast aus den Augen. Außerdem forderte die Weitläufigkeit des Geländes ihren Tribut ein; für einen weiteren weiten Weg zurück zu Halle 5 (und einem weiteren Vortrag, diesmal über das OpenSuse-Projekt), die für uns sozusagen am anderen Ende der Festplatte lag, nahmen wir den Bus.

Das OpenSuse-Projekt, so der Tenor des Vortrages, lebt von seiner Community. Wie vielerorts in der Open-Source-Welt üblich, gibt es zwar genügend Entwickler und Programmierer, die viel voranbringen, aber das Ziel vor den Augen verlieren, wenn sie nicht Rückmeldungen über Fehler sowie (konstruktive) Kritik zu den Konzepten erhalten, die aus einem anderen Blickwinkel vielleicht weniger sinnvoll erscheinen.

Unterschiedliche Ansichten gehören nunmal zum menschlichen Wesen und werden akzeptiert.

Und das mit Erfolg. Als vor etwa 2 Jahren das Projekt startete, waren die Einträge in der Bugzilla-Datenbank noch gering an Zahl, die Community gerade im Aufbau und die ersten OpenSuse-Releases mußten einige Mecker hinnehmen. Für die Version 11.0, die voraussichtlich im Juni 2008 freigegeben wird, sind nun Stabilitäts- und Performance-Steigerungen umgesetzt, die mit einem ‚Faktor 10‘ gehandelt werden. Was immer das heißen mag, OpenSuse ist auf einem guten Weg, sich den Ruf zu verdienen, den dereinst SuSE-Linux (ohne Novell) hatte.

Und auf den Weg machten wir uns nun auch, auf den Heimweg nämlich.

Beim Schlendern in Richtung Ausgang fielen noch 2 junge Damen auf, in schwarzen Talaren, mit schwarzen Doktorhüten, die ihre Gesichter zum Teil in Schatten hüllten – auf den Etiketten an ihren Revers stand irgendetwas von ‚–Abitur‘. Die beiden gehörten zu dem großen Messestand eines noch viel, viel, viel größeren amerikanischen Ausstellers, dessen Name an dieser Stelle nicht genannt werden soll.

Aber aber – Damen und Herren – nur, weil man dort sein Abitur her hat, muß man doch keine Trauer tragen. Kopf hoch! Das Leben geht weiter und hat noch mehr zu bieten.

Die Cebit 2008 andererseits ging merklich zu Ende. Die Besucher bewegten sich tendenziell immer mehr in Richtung Ausgang und die meisten kleineren Aussteller hatten ihre Regale auch ohne die freundliche Unterstützung hilfsbereiter Zollbeamter schon leergeräumt.

Also enterten wir (so nicht mit dem Auto angereist) die nächste U-Bahn und weil wir am Hauptbahnhof noch etwas Zeit hatten, ließen wir den Tag bei einem Glas Getreidelimonade ausklingen.

Alles in allem ist es ein langer Tag gewesen, wir haben viel gesehen, gehört und eine Menge Spaß gehabt. Und wenn die Cebit im nächsten Jahr ihre Tore wieder öffnet, dann wird man uns wohl auch wieder irgendwo unbemerkt über den Weg laufen.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 15. März 2008 um 15:15 und abgelegt unter Allgemein. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können zum Ende springen und ein Kommentar hinterlassen. Pings sind im Augenblick nicht erlaubt.

1 Kommentar über “Auf der Cebit”

  1. Henner Keßler schrieb:

    hi herb,

    super zusammenfassung. da steckt sicher viel arbeit drin.

    finde ich sehr gelungen.

    gruß
    henner

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