Linux – der Kernel und die Distributionen

Den Begriff Linux setzen Einsteiger zumeist mit Namen wie Suse, Debian oder Ubuntu gleich. Allerdings ist diese Sichtweise, technisch betrachtet, nicht ganz korrekt.

Das eigentliche, ‚wirkliche‘ Linux, von dem Fortgeschrittene als Kernel reden, ist nur ein Programm unter vielen, die zusammengenommen den Betrieb eines Computers grundsätzlich ermöglichen. Ein kurzer Blick in eine beliebige ‚Systemsteuerung‘ gibt eine ungefähre Vorstellung davon: da gibt es ein Programm, das die Eingabegeräte steuert, eines, das eine grafische Benutzeroberfläche konfiguriert, eines, das die Verbindung zum Internet aufbaut, usw. usw. Es würde jedoch prompt und zwangsläufig zu einem Crash kommen, wenn alle diese Programme unabhängig voneinander auf die Hardware zugreifen und sich beispielsweise Daten im Arbeitsspeicher gegenseitig überschreiben. Die zentrale Kontrolle über Hardwarezugriffe hat daher in jedem PC-Betriebssystem ein so genanntes Betriebsprogramm, das naheliegend eben als Kernel bezeichnet wird und die Schnittstelle zwischen Soft- und Hardware darstellt.

In der Welt der freien Software gab es schon lange eine Vielzahl von Systemprogrammen, lediglich der Kernel stellte ein Problem dar – solange bis ein Student aus Finnland sein kleines Projekt namens Linux der OpenSource-Gemeinde vorstellte. Für die Community war dies der Quantensprung, der die Zusammenstellung eines vollständigen Systems endlich ermöglichte.

Freie Entwicklergruppen wie Debian oder auch Firmen wie Red Hat oder Novell/SuSE und noch unzählige andere Distributoren stellen seitdem auf Basis des Linux-Kernels ihre Systeme entsprechend ihrer Philosophien auf. Die einen bieten ein System an, das auf brandaktuelle Programmversionen verzichtet, dafür eine sichere, stabile und bewährte Grundlage zum Betrieb von Servern bietet. Andere Distributoren wenden sich mehr den unbedarften Anwendern zu, mit dem Augenmerk auf leichte Bedienbarkeit und im Verbund mit einer großen Auswahl aktueller, unter Umständen jedoch nicht unbedingt stabiler Anwenderprogramme für Büro, Bildbearbeitung, Multimedia, Internet und so fort. Die einen setzen ausschließlich unter freien Lizenzen stehende Software ein, andere lassen auch proprietäre zu. Und nach der Installation hat man immer noch die Möglichkeit, alle Voreinstellungen über den Haufen zu werfen.

Eine generelle Empfehlung für oder wider eine bestimmte Distribution kann man also nicht geben. Vielmehr entscheiden der Einsatzzweck, persönliches Gusto und die Frage, ob und wieviel Zeit man mit dem Administrieren und der Pflege des Systems zubringen will oder muss. Oder ob man eigentlich nur damit arbeiten und/oder seinen Spaß haben will. Eine kleine Übersicht an bekannten und auch einigen spezielleren Distributionen sind hier aufgelistet.

Wie eingangs erwähnt benutzen Einsteiger den Begriff Linux für das gesamte System. Zugegeben, auch Fortgeschrittene lassen sich hin und wieder dazu hinreissen. Eine korrekte Bezeichnung wie z. B. „GNU/Linux Debian“ ist auch ein wenig sperrig. Im Laufe der Jahre hat sich der Name Linux aufgrund seiner Bedeutung für das System als Synonym für freie Software eingebürgert und drückt stellvertretend den Respekt aus, den alle Anwender(innen) vor der Leistung der vielen Entwickler(innen) haben.

Damit wir auch in der Zukunft die freie Wahl haben, wird der Kernel, das Herz jeder Distribution, kontinuierlich gepflegt und weiter entwickelt. Neue Technologien und Geräte müssen berücksichtigt werden, alte Baustellen beseitigt. Und nebenbei wird auch noch die eine oder andere Systembremse gelöst. Die derzeit aktuelle Zählnummer des Kernels lautet 2.6, ältere Versionen von der 2.0, 2.2 bis zur 2.4, die auf älteren Computern noch immer zuverlässig ihren Dienst verrichten, werden auch noch, falls nötig, ausgebessert, aber nicht mehr erweitert.

Am Ende noch zwei Anmerkungen.

Zunächst einmal arbeitet Linux nicht nur mit den gängigen PC-Prozessoren der beiden großen Hersteller zusammen, sondern auch mit weniger bekannten Architekturen. Hier folgt mal eine kurze Aufzählung: IA-32, AMD64, Alpha AXP, Sun SPARC, Motorola 68000, PowerPC, ARM, Hitachi SuperH, IBM S/390, MIPS, HP PA-RISC, IA-64, AXIS CRIS, Renesas M32R, Atmel AVR32, Renesas H8/300, NEC V850, Tensilica Xtensa und Blackfin.

Und zu guter letzt sei angemerkt, daß dieses kleine Projekt des Finnen in der zur Zeit aktuellen Version mehr als 10 Millionen Zeilen Programmcode enthält. Eng ausgedruckt mit ca. 100 Zeilen pro DIN A4-Seite ergäbe das 100.000 Seiten, mit großzügig angenommenen 1.000 Seiten pro Band, füllte sich die heimische Bibliothek mal eben mit 100 Wälzern. (Ein Laserdrucker, der angenommen 20 Seiten/Minute auswirft, benötigte hierfür schlappe 5.000 Minuten, gerundet entspräche das ca. 3 1/2 Tagen – ohne Pause, Toner- und Papiernachschub selbstverständlich ‚on the fly‘ – das wäre der ultimative Drucker-Stress-Test. Die anfallenden Stromkosten kann nachrechnen, wer mag.) Aber so etwas wird wohl niemand versuchen – vermutlich.